Erfahrungsbericht Tim

„Zeltlager für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen?!“

Erfahrungsbericht MiteinAndersSein

Weit vor meiner Zeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie war ich Betreuer und Leiter verschiedener Zeltlager im Kreis. Der grundsätzliche Gedanke, Harmonie, eine besondere Zeit, eine „5. Jahreszeit“ gefüllt mit Spaß und guter Laune für Kinder und Jugendliche zu bieten, ist im Kreis Schleswig-Flensburg sehr präsent.  Die Angebote gelten für Kinder und Jugendliche jeglichen Alters und jeglicher Herkunft.

Eine besondere Situation und Erfahrung ließ mich 2007 zweifeln, die Möglichkeiten wirklich für jede*n offen zu halten. Ich erinnere mich an einen Satz, der mir tatsächlich über die Lippen gegangen war: „Wie verrückt kann man sein, einen 12-jährigen Jungen, der vor ein paar Wochen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie entlassen wurde, in einem Zeltlager anzumelden?!“

Heute kann ich sagen, dass ich meine Aussage von damals als sehr kritisch ansehe und auch als negatives Beispiel nutze, um aufzuzeigen, dass gerade das, was viele ehrenamtliche Betreuer*innen bieten, mit einer der besten Therapien ist, die es gibt.

Er war 12, zeigte sich verhaltensauffällig und in einigen Situationen aggressiv. Durch Unwissenheit und fehlende Methoden spitzte sich sein Verhalten so zu, dass er mit schweren Gegenständen auf Kinder und Betreuer*innen zulief und sie massiv bedrohte.  Durch die Überforderung und das fehlende Verständnis war mir und dem Team klar – psychisch kranke Kinder haben wenig Platz bei den Freizeitangeboten.

Nun sind Jahre vergangen, neue Erfahrungen und das Überdenken der eigenen Haltung lassen mich heute (- ein Glück -) anders denken. Das Verhalten der Kinder und Jugendlichen geschieht nicht mit Absicht, jede*r bringt seine Erfahrung mit ins System. Und nur das vorhandene System kann Einfluss auf die Handlungen nehmen. Somit sind Zeltlager tolle Erlebnisse, die jedem Kind und Jugendlichen möglich gemacht werden sollten.

Helfen könnten da eine gute Ausbildung der Betreuer*innen. Diese und andere Erfahrungen haben mich dazu bewegt daran mitzuwirken. Somit begleite ich seit über 15 Jahren die Jugendgruppenleiterausbildung im Kreis Schleswig-Flensburg.

Tim Petersen, Heilerziehungspfleger, Kinder- und Jugendpsychiatrie Villa Paletti

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Haben Sie Erfahrungen mit Vorurteilen gegenüber (Menschen mit) psychischen Erkrankungen gemacht und Wünsche zu einem diesbezüglich besseren gesellschaftlichen MiteinAndersSein?

Dann lassen Sie uns gern über das Kontaktformular unten oder unsere E-Mail-Adresse (praevention@bruecke-flensburg.de) teilhaben. Eine anonyme Veröffentlichung Ihres Textes ist möglich. Wir veröffentlichen Einsendungen, die wir vor dem Hintergrund der Kampagne als passend erachten, die zu Diskussionen anregen und damit auch zu einer Verbesserung der Situation beitragen können. Dies kann unserer Ansicht nach nur dann gelingen, wenn auch Kritik respektvoll angebracht wird und Abwertungen von Personen und Institutionen keinen Platz haben. In jedem Falle kommen wir mit Ihnen als Einsender*in dazu gern ins Gespräch.